Grundlage für den ZILLO Artikel im November Heft 1995 (Im Heft wurde aus Platzgründen nur ein Auszug abgedruckt)

Fragen und Artikel von Dirk Hoffmann
 
Mit welchen Ideen und Konzeptionen habt ihr TEMPS PERDU? ins Leben gerufen?
 
Zu Anfang gab es keinerlei Grundideen oder Konzepte. Musik war immer unser Steckenpferd; mehr als alles andere. Wir haben 1984 unseren ersten anlogen Synthesizer gekauft. Unter dem Pseudonym „Le petit Mort“ veröffentlichten wir 1987 unsere erste Kassette, an der Catherine an zwei Tracks mitgewirkt hatte. Ein Jahr später kam dann die LP Compilation „Second Strike“ [Turnabout] mit unserem ersten offiziellen Track unter „TEMPS PERDU?“ heraus. Die nächsten Jahre haben wir damit verbracht, für ein eigenes Studio Geld zusammen zutragen, und an weiteren LP- und Cassetten-Compilations mitzuwirken. 1990 kam die „TEMPS PERDU?“ 7“ Single [Turnabout], Anfang ‘93 dann die erste Fulltime CD „Athanor“ [Timebase/Discordia].
 
TEMPS PERDU? sollte von Anfang an Ausdruck sein, für unser allgemeine Weltanschauung und unsere Auffassung unseres Daseins. Wir versuchen, die Ketten von Zeit und Raum zu sprengen, die uns Europäer oft behindern, spirituelle Tiefe und innere Zufriedenheit zu empfinden. Daher auch der Projektname „TEMPS PERDU?“ (fr. „Verlorene Zeit?“), der darüber hinaus auch verdeutlichen soll, daß keine Anstrengung gänzlich umsonst ist. Wir wachsen mit unseren Erfahrungen, unseren Fehlschlägen und Erfolgen.
 
Wir sind von den Träumen und Phantasien der Menschen inspiriert. Wir interessieren uns stark für untergegangene Kulturen und deren Mythen, als auch für Science Fiction und die Geheimnisse des Weltalls. Mit TEMPS PERDU? beschreiben wir musikalisch das, was uns kulturell und philosophisch fasziniert, und was uns möglicherweise morgen faszinieren wird. Es ist die Liebe zu der im Grunde armseligen Menschheit [uns eingeschlossen], die im Grunde nichts über Herkunft, Zukunft und Bestimmung weiß, die uns dazu bringt, mit Worten nicht beschreibbare Gefühle und Gedanken in Musik zu fassen.
 
Die Verbindung von elektronischen und akustischen, vor allem ethnischen Klängen scheint die Basis Eurer Arbeit zu sein. Wie bringt Ihr diese Elemente zusammen? Inwieweit verarbeitet Ihr dabei bewußte Kompositionsideen, Hörgewohnheiten und instinktive Eingebungen?
 
Es ist in der Tat die Kombination von archaischen, ethnischen Instrumenten in Verbindung mit der magischen Ausstrahlung heutiger elektronischer Geräte, die uns neue Klänge liefert, und den speziellen Sound von TEMPS PERDU? ausmacht. Wir lassen uns bei unseren akustischen Reisen hin- und her auf der Zeitachse inspirieren.Übrig bleiben am Ende ganz neue musikalische Bewußtseinszustände, die noch nicht durch Generationen gedankenloser Tradition, zu Allgemeingut geworden sind. Unsere Musik ist nie konstruiert, auch wenn wir mit dem Computer als Kompositionshilfe arbeiten. Ganz wichtig ist uns die spontane Inspiration. Wir arbeiten ganz nach unseren Gefühlen und Stimmungen, nicht nach vorüberlegten Kompositionsideen.
 
Euer Debutalbum klingt noch sehr rhythmisch, erinnert mich etwas an Chris & Cosey, was die elektronischen Arrangements angeht, und erhält durch Catherines Vocal-Performance auch eher einen Song-Charakter. Auf der anderen Seite wirkt das Material auf „Athanor“ sehr geschlossen. Liegt dem Album ein bestimmtes Konzept zugrunde oder habt Ihr eher an einzelnen Songs gearbeitet, die Ihr letztlich zu einem Stück zusammengefügt habt?
„Athanor“ war nie als Konzeptalbum geplant. Nachdem unser Studio halbwegs fertig war, haben wir 2 Jahre lang Stücke aufgenommen, und sie dann auf CD gepreßt. Wir haben alles ausprobiert was uns wichtig erschien,und es war eine große Erfahrung, die uns bei der Arbeit an „Terra Incognita“ sehr geholfen, hat unsere Musik mehr auf das Wesentliche zu fokussieren.
 
Du erwähnst Chris & Cosey. Wir haben alle ihre Alben und mögen ihre Musik, aber wir denken, daß viele andere Musiker uns mehr beeindruckt haben, Jon Hassell, SPK [Zamia Lehmanni], Dead Can Dance, O Yuki Conjugate, Steve Roach, oder :Zoviet*France: zum Beispiel. Wir denken allerdings, daß man dies unserer Musik nicht im Speziellen anmerkt. Es ist mehr so eine globales Verständnis von Musik, das uns mit den genannten Musikern verbindet.
 
Euer neues Album wirkt ruhiger, weist eher Ambient- als Song Strukturen auf. Liegt dem eine bewußte Änderung Eurer musikalischen Ambitionen zugrunde oder hat das auch mit Euren TIMEBASE-Aktivitäten zu tun, mit denen Ihr Euch eher in ruhigeren Gefilden bewegt?
 
Dirk: „Als wir „Athanor“ aufgenommen haben, waren wir beide noch sehr stark von europäischen Songstrukturen beeinflußt. Catherine durch ihre klassische Klavierausbildung und ich durch meine jahrelange Beschäftigung mit experimenteller, aber doch songhafter Musik. Für uns sind Songs wie ein Virus; allgegenwärtig und so leicht zu verstehen und vorauszusehen. Popmusik ist uns zu penetrant und phantasielos.“
 
Durch unsere letzten Reisen nach Ägypten bzw. Sinaï, in den Südwesten der USA, und zur Vulkaninsel Lanzarote, haben wir verschiedene Wüsten und Unterwasserlandschaften kennengelernt. Die gewonnenen Eindrücke haben unseren Stil Musik zu schreiben nachhaltig beeinflußt. Auf „Terra Incognita“ geht es ja im speziellen um neue, unentdeckte Welten und Erfahrungen. Die Weite, die Ruhe und die geheimnisvolle, magische Kraft der Orte, die wir besuchten, findet sich stark in den neueren Kompositionen wieder. Wir versuchen in unserer Musik mehr und mehr Freiräume zu schaffen, in denen sich auch der Zuhörer entfalten kann.
 
Die Auswahl der Künstler, die auf den beiden „Twilight Earth“ CD Compilations mitwirken, ist natürlich eine direkte Reflektion auf unser Musikverständnis, und dessen was uns an experimenteller, atmosphärischer Musik gefällt. Insofern sind die Einflüsse, die auf TEMPS PERDU? und TIMEBASE wirken, gewissermaßen nicht voneinander trennbar.
 
Durch die Reduzierung von Catherines Vocals und der Dominanz von stimmungsvollen, atmosphärischen Klängen, wird der soundtrackähnliche Charakter Eurer Musik noch zusätzlich betont. Versteht Ihr Eure Musik auch als musikalische Untermalung Eurer eigenen, nicht gedrehten Filme? Fühlt Ihr Euch gar von bestimmten Filmmusikkomponisten beeinflußt?
 
Filmmusik ist ein sehr schmeichelhaftes Attribut, ist es doch genau daß, was uns motiviert Musik zu schreiben: Der Wunsch, Ideen und Gefühle in eine abstrakte musikalische Form umzusetzen, die wiederum Bilder und imaginäre Filme in Deinem Kopf stimuliert. Neben den pompösen Orchester Filmmusiken, die uns überhaupt nicht berühren, gibt es eine ganze Menge Soundtracks, die uns sehr gefallen. Allen voran die beiden Alben „Birdy“ und „Passion“ von Peter Gabriel, die uns sicher beeinflußt haben. Uns gefällt auch Angelo Badalamenti’s Musik zu „Twin Peaks“, „Baraka“ von Michael Stearns, Stewart Copeland’s „Rapa Nui“ , Graeme Revell’s „The Crow“ und der Soundtrack zu Derek Jarman’s „Blue“.
Bei den auf „Terra Incognita“ vorliegenden Kompositionen, hat es sich unbewußt nicht ergeben, Gesang - bis auf wenige Passagen - miteinzubeziehen. Mit ein Grund durfte sein, daß wir uns von klassischen Strukturen entfernt haben.Vocals bestimmen oft rhythmische Songs, und es ist nicht so leicht, eine abstrakte Atmosphäre zu schaffen, wenn Gesang im Spiel ist.
 
Könnt Ihr schon absehen, ob in Zukunft Eure Aktivitäten mehr auf TEMPS PERDU? oder TIMEBASE konzentriert sein werden, oder seht Ihr beides gleichermaßen als Teil Eurer „Mission“?
 
TEMPS PERDU? wird das für uns wichtigste Projekt bleiben. Erst durch das Schreiben eigener Musik, sind wir auf die Idee gekommen ein Label zu gründen, und mit gleichgesinnten Musikern in Kontakt zu treten. Wichtig ist uns die kommunikative Seite, Erfahrungen und Ideen auszutauschen. Für uns ist TIMEBASE und TEMPS PERDU? eine gemeinsame Basis.