Temps Perdu? Interview mit Auf Abwegen, Nummer 27 / Frühjahr/Sommer 99.
 
Die Fragen stellte Zipo.
 
Es gibt selten Platten, die einen dauerhaft beeindrucken. Und zwar auf solche Weise, dass man immer wieder auf sie zurückkommt und sich nach jedem Hören ein Stückweit verändert vorkommt. Twilight Earth - International Soirée ist so eine Scheibe. Hierbei handelt es sich um eine von Temps Perdu? 1994 herausgegebene Compilation, die im weitesten Sinne Ambient bietet. Aber hier sind Acts vertreten, die das Fourth World-Ideal eines Jon Hassell vernünftig interpretiert und zu neuer Reife weitergeführt haben: O Yuki Conjugate, TUU, Alio Die, Jeff Greinke, Steve Roach und andere. Gleichzeitig war dieser Sampler damals meine erste Begegnung mit Temps Perdu?, deren Musik sich nahtlos in die Programmatik einreihte. Auch auf ihren Veröffentlichungen Athanor und Terra Incognita setzen Dirk und Catherine Ledit-Grützmann diesen Stil fort: geheimnisvolle Klangströme, Rasseln, fremdartige Rhythmik. Knapp fünf Jahre nach Erscheinen von Twilight Earth, der meine Neugier entscheidend weckte, treffe ich mich mit der einen Hälfte, - Dirk Grützmann - von Temps Perdu? In Düsseldorf. Hier Auszüge aus einem äusserst interessantem Gespräch.
 

Ich frage gleich mal nach Neuigkeiten: im schon etwas älteren Black-Interview hattet ihr für März 98 eine neue Temps Perdu? Scheibe angekündigt. Ist ein neues Album tatsächlich fertig? Und, gibt es schon Releasepläne, vielleicht ein Label und Erscheinungsdatum, oder wollt ihr das wieder selber herausbringen?

 
Das Label haben wir schon vor einiger Zeit eingestellt, also selber werden wir es nicht veröffentlichen. Wir sind mit dem Label an einen Punkt gekommen, wo es nur noch Sinn gemacht hätte, das Ganze im größeren Rahmen fortzuführen. Dass man sich mit eigenem Labelprogramm zum Beispiel in den Vertrieb einen Majors einklinkt oder die für einen die Promotion machen - eine ähnliche Konstellation. Die Musik ist in unseren Augen zu schade, als dass sie nur einem kleinen Kreis von Leuten zugänglich sein sollte. Leider sind die Versuche, damals auf der Popkomm mit grösseren Labeln in Kontakt zu kommen, gescheitert. Catherine und ich haben nicht mehr die Zeit, ein Label weiter zu betreuen bzw. wir haben irgendwann gemerkt, dass wir immer weniger Zeit für unsere eigene Musik hatten. Die neue Temps Perdu? Platte ist zwar tatsächlich in Arbeit; wir lassen uns aber nicht verrückt machen, sondern nehmen uns Zeit fürs Musikmachen. Aber das Ganze wird konkreter; seit einiger Zeit sind wir auf der Suche nach einem Albumtitel. Wir geben unseren Platten immer erst gegen Ende einen Namen, anstatt vorher schon eine Art Marschroute oder Konzept auszugeben, das erscheint uns zu unfrei; wir arbeiten lieber von Stück zu Stück und entscheiden solche Sachen dann je nach Stimmungslage. Für die neue Platte sind z.Z. etwa 40 Minuten Musik fertig. Das Label, welches an dem Album Interesse zeigt, ist Amplexus in Italien. Wahrscheinlich wird es dann auf deren Unterlabel Arya erscheinen. Wir freuen uns auf das Album, gerade auch weil wir eine längere Pause hatten. Wie ja schon gesagt waren wir durch die ganze Labelarbeit ein wenig gesättigt und dann kam auch noch der Umzug, der Studioumbau und die Geburt unseres Sohnes Yvo hinzu; dass hat natürlich auch noch mal Zeit gekostet. Aber neben Temps Perdu? gibt es auch noch das Projekt Psygram, was ich mit Siegfried Fischer mache. Dort hat es zwar auch seit 1995 keine Veröffentlichung mehr gegeben, aber wir arbeiten im Moment intensiv an neuem Material. Mittlerweise besteht die Musik bei Psygram aus reinen Tape-Experimenten. Wir benutzen alle möglichen akustischen Instrumente; die Aufnahmen bearbeiten wir dann auf unterschiedliche Weise. Im Moment sind wir von einem Akkordeon total begeistert, was Siegfried von einer Tante bekommen hat. Das ist ein total altes Schätzchen, welches unglaubliche Töne produziert. Die Akkordion-Klänge wollen wir dann als Basismaterial für die Tape-Manipulationen nehmen.
 

Wie viele Veröffentlichungen gibt es von Psygram?

 
Insgesamt eine Cassette (unter dem Pseudonym Jesus Drum) und 2 CDs, wobei die erste („...in Dreamshow") eine Split-CD gemeinsam mit Mengrad, einem Mynox Layh-Projekt, gewesen ist. Die frühen Aufnahmen waren allerdings ganz anders als unsere heutige Arbeit. Damals haben wir viel mit Samples gearbeitet, haben auch viel von anderen Platten abgesampelt, das muss ich zugegeben. Wir haben mit Sequencern, Samplern, Synthies und dem ganzen Salat gearbeitet. Aber schon mit der zweiten CD haben wir uns von dieser Arbeitsweise verabschiedet und auch mehr mit akustischen Instrumenten gearbeitet.
 

Bestand Psygram immer aus dir und Siegfried oder gab es auch Überschneidungen hinsichtlich Temps Perdu?

 
Nein, das haben wir immer konsequent getrennt. Catherine und ich sind Temps Perdu? und Siegfried und ich sind Psygram. Der gute Siegfried Fischer ist übrigens eine absolute Koryphäe in Düsseldorf. Er hat von 1985-88 den Plattenladen Heartbeat gemacht, der sich schnell zu einem Szenetreffpunkt entwickelt hat. Alle Leute, die in Düsseldorf irgendwas mit Industrial oder Verwandtem zu tun hatten, trafen sich in diesem Laden. Aus diesem Laden ist dann auch das Label Turnabout bzw. Music-to-turn-to entstanden, mit fast 40 Tape und Vinyl-Veröffentlichungen. Es gab auch Konzerte im Laden, so wollten z.B. Chris & Cosey damals auftreten, was dann aber in letzter Minute nicht geklappt hat. Aber Stefan Schneider (To Rococo Rot, ex Kreidler) ist damals mit seinen zahlreichen Projekten im Laden aufgetreten. Es wurden Festivals vom Laden aus veranstaltet und das Ganze war einfach eine kreative Keimzelle. Aus dem Umfeld ist einiges entstanden: wir haben damals dort auch das Label mitbegründet, und Mynox Layh zum Beispiel haben über den Laden ihren ersten Plattenvertrag mit SDV bekommen.
 

Auf den erwähnten Festivals kam es doch auch zu einem der raren Temps Perdu?-Auftritte, eurem ersten sogar?

 
Genau. Wir hatten damals 2 Festivals im Düsseldorfer ZAKK mitorganisiert und haben beim zweiten (Mouth Can’t Spell 1991) witzigerweise sogar vom heutigen VIVA-Chef Gorny DM 1000,- Unterstützung erhalten. Der arbeitete damals im Rockbüro NRW. Das waren schon tolle Festivals. Aber für Temps Perdu? muss ich sagen, dass es wohl an mir liegt, weshalb wir nicht so oft live auftreten. Catherine ist ein sehr extrovertierter Mensch und die Performance Situation liegt ihr sehr. Für mich sind Live Auftritte sehr unbefriedigend. Das erste Festival im Jahre 1989 ist bemerkenswert, weil wir zu diesem Anlass damals eine LP-Compilation, The Final Strike zusammengestellt haben. Auf dieser Platte ist das erste Stück, welches unter dem Namen Temps Perdu? erschienen ist, enthalten. Ich hatte ja 1986 bereits ein Tape unter dem Namen Le Petit Mort eingespielt. Das waren bis auf zwei Stücke alles Soloarbeiten von mir. Ich fand den Namen damals irgendwie makaber-gut; als Anspielung auf Orgasmus, Sex und Tod und so weiter. Als dann klar wurde, dass Catherine in das Projekt mit einsteigen würde, war uns der Name zu düster und so haben wir Temps Perdu? gewählt.
 

Was bedeutet denn der Name Temps Perdu? Ist das vielleicht eine Anspielung auf Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit? Oder, da euer Label Timebase heißt, seid ihr vom Thema Zeit fasziniert?

 
Der Name Temps Perdu? geht auf Siegfried, mit dem ich Psygram mache, zurück. Gerade zu Anfang unseres Projekts hatten Catherine und ich immer wieder Leerlaufphasen, in denen nichts rechtes zustande kommen wollte. Und dann haben wir uns mit diesen Problemen immer bei Siegfried ausgeheult. Nach dem Motto „Eigentlich wollte ich doch das Stück fertig bekommen und jetzt habe ich schon wieder drei Wochen nicht daran gearbeitet." Siegfried hat uns aber in unserem Tun bestärkt und uns versichert, dass die unkreative Zeit keine verlorene Zeit sei, sondern eben mit zum Lernprozess für uns Musiker dazugehört. Dieser Satz von der verlorenen Zeit stand irgendwie im Raum und wir haben das Ganze dann in Französisch übernommen, da Catherine Französin ist und mir die Sprache sehr liegt und ich sie gern spreche. Aber der Zeitfaktor ist auch interessant im Bezug auf unsere Musik, da wir mit ihr auf eine Art Zeitreise gehen.
 

Eine stärkere konzeptionelle Verarbeitung von Zeit liegt euch aber nicht am Herzen?

 
Nicht unbedingt, generell finden wir es faszinierend, dass wir in einer Zeit leben, wo Zeit im Sine von Menschheitsgeschichte in ganz neuen Dimensionen erfahrbar wird. Es ist schon toll, dass man sich mit unserem Wissen im Prinzip zu jeder Epoche ein Bild machen kann. Es wird in den letzten Jahren extrem viel geforscht, mit der ganzen Raumfahrttechnologie usw. Zugleich ist die Vergangenheit auch immer weiter verfügbar durch das ebenfalls erweiterte Wissen auf diesem Gebiet, das ist schon spannend. Ein Thema, was uns mit Temps Perdu? ziemlich direkt beeinflusst hat ist ein Buch, auf das uns Steve Roach gebracht hat. Desert Solitaire heisst es und wurde von einem gewissen Edward Abbey geschrieben. Der Mann lebt die eine Hälfte des Jahres in New York und die andere Hälfte arbeitet er als Ranger in den Nationalparks der USA. Seine Beschreibungen der Landschaften sind spannend zu lesen. Sein Buch legt die Weite und die Unendlichkeit der Natur offen und beschreibt sehr gut, was es heisst im positiven Sinne allein zu sein. Diese Weite fasziniert uns und wenn wir Urlaub machen, dann fast immer in Wüstengegenden. Auch der Natur in gewisser Weise ausgesetzt zu sein und stundenlang zu gehen ohne einen Menschen zu treffen, das hat uns beeinflusst. Wir hatten durch diese Erlebnisse im Studio einen Anreiz, diese Erfahrungen in Musik umzusetzen, ohne jetzt zu idealisieren oder auf esoterischen Pfaden wandeln zu wollen. Wir haben allerdings Schwierigkeiten die absolute Stille, die einen in der Wüste umgibt in Musik umzusetzen. So stille Musik können und wollen wir nicht machen. Dazu sind wir beide auch zu lebhaft. Rhythmus ist für uns das zweite grosse Thema in der Musik, neben den epischen Klangflächen, mit denen wir die Weite nachempfinden wollen. Rhythmen haben eine Kraft, die irgendwie erhebt, sie wirken ekstatisch
 

Wenn euch das Erleben von Landschaft so prägt, habt ihr dann auch einmal Equipment mit ins Feld genommen um Aussenaufnahmen zu machen?

 
Nein nicht wirklich. Ich sehe das auch eher skeptisch, muss ich sagen. Generell halte ich nichts davon mit einem DAT oder so in der Landschaft rumzulaufen. Wir haben das bisher nur einmal gemacht und zwar für die Aufnahmen der Mini-CD auf Amplexus, The Day the Earth melted. Das Stück dieser CD bezieht sich auf eine gleichnamige TV Dokumentation über Vulkanismus und Erdgeschichte, die uns beeindruckt hat. Das Stück empfindet das Brodeln von Lava nach, steigert sich langsam und flacht dann wieder ab. Für Anfang und Ende des Stücks wollte ich so eine Art Grillenzirpen haben, konnten aber nichts finden. Auf einer CD stiess ich dann auf Frosch-Sounds, die ich so verfremdet habe, dass sie für mich wie Grillengezirpe klangen. Das war bisher das einzige Mal, dass wir versucht haben, direkte Geräusche der Natur in unsere Musik aufzunehmen, wenn sie am Ende auch nur von einer CD stammten. Das Stück sollte eine Geschichte davon erzählen, wie die Zerstörungskraft des Vulkans in die Natur eingebettet ist; am Anfang idyllische Grillengeräusche, dann die Eruption und am Ende wieder die Grillen.
 

Der Twilight Earth Sampler hat mich ja damals total fasziniert. Seid ihr mit vielen der darauf vertretenen Musikern noch in Kontakt?

 
Das ist sehr unterschiedlich. Steve Roach ist ein guter Freund, aber der Kontakt ist aufgrund der grossen Entfernung recht lose. Auch mit Jorge Reyes ist es schwer in Kontakt zu bleiben, da er in Mexiko kaum zu erreichen ist. Anna Homler ist öfters in Köln; so kam auch die Zusammenarbeit zustande. Das gemeinsame Stück, welches wir für den zweiten Teil von Twilight Earth aufgenommen haben, war für uns eine Art Offenbarung; innerhalb von einem halben Tag war es fertig. Es war eine geniale Zusammenarbeit mit Anna; das Klima stimmte sofort. Bei den Compilations war es ungefähr so, dass zur Hälfte Freunde von uns vertreten waren und zur anderen Hälfte Bands mitwirkten, die wir extra für die Teilnahme am Sampler kontaktiert hatten. O Yuki Conjugate oder Jeff Greinke kannten wir vorher zum Beispiel noch nicht. Wir waren damals wirklich sehr begeistert von der durchweg positiven Resonanz auf unsere Einladungen hin und mit einigen Bands hat sich ein reger Austausch entwickelt. Lediglich :Zoviet*France: nahmen trotz Einladung nicht teil. Es lag wohl an der schwierigen Situation innerhalb der Band - es war die Zeit des Splits mit Robin Storey (Rapoon). Auf einmal hörten wir nichts mehr von ihnen.
 

Soweit das Gespräch mit Temps Perdu?. Bleibt uns nur noch übrig, sehnsüchtig, das kommende Album zu erwarten. Hoffentlich klappt’s noch in diesem Jahr - es würde sicherlich zu den Höhepunkten zählen.